Anstoß im Osten: Leipzig als Geburtsstätte des DFB

Ich traute meinen Augen nicht, als ich im letzten Jahr mit dem Rad durch Leipzig fuhr und an einem Haus das Banner „weltmeisterlich wohnen – DFB Gründungsstätte“ erblickte. Mir war bewusst, dass Leipzig eine glorreiche Fußballhistorie vorzuweisen hat, war der VfB Leipzig doch erster deutscher Meister. Aber die Gründung des Deutschen Fußballbundes hätte ich doch eher im Ruhrpott vermutet, dort wo die Kumpelteams sich schon früh hitzige Duelle lieferten. Auch dass der DFB mittlerweile in Frankfurt am Main seinen Hauptsitz hat und das DFB-Museum jüngst in Dortmund eröffnet wurde, lässt nicht unbedingt vermuten, dass Leipzig die Wiege des mittlerweile größten nationalen Sport-Fachverbands der Welt ist. Doch der Schein trügt.

Erst nach dem ersten Weltkrieg wurde der Fußball im Westen Deutschlands so richtig populär, während gerade im Berliner Raum schon Ende des 19. Jahrhundert etliche Fußballteams aus dem Boden sprossen. Mit der Zeit bildeten sich vorwiegend im Osten und Süden Deutschlands lokale Fußball-Verbände aus, doch es fehlte an grundlegenden Strukturen. Bisher war es nicht unüblich, dass Mannschaften in mehrfacher Überzahl gegeneinander antraten. Nicht selten spielten die Teams in einer Halbzeit Fußball gegeneinander, in der anderen Rugby. So wurden die Forderungen nach einem nationalen Dachverband und allgemein geltenden Spielregeln immer lauter. Es war Zeit, sich zusammenzusetzen – und zwar in einer zünftigen Gaststätte in der der sächsischen Messestadt Leipzig. Doch warum Leipzig?

Der Mariengarten in Leipzig. Postkarte um 1905.

Auslöser war, wie sollte es auch anders sein, eine Messe. Im Juli 1899 fanden sich Sportler aus dem gesamten Deutschen Kaiserreich in Leipzig zum „Allgemeinen Deutschen Sportfest“ zusammen. Darunter waren natürlich auch Fußballer aus den einzelnen lokalen Verbänden. Diese nutzten das Zusammentreffen, um den „1. Allgemeinen Deutschen Fußballtag“ ins Leben zu rufen, der im Januar des Folgejahres erstmals tagen sollte. So verkündete der „Ausschusses zur Einberufung des ersten allgemeinen deutschen Fußballtages zu Leipzig“ in den „Deutschen Sportnachrichten“ am 4. Januar 1900 folgende Bekanntmachung:

Den uns aus allen Teilen Deutschlands zugegangenen Zustimmungen und Wünschen Rechnung tragend, haben wir beschlossen, den 1. Allgemeinen Deutschen Fußballtag für Sonnabend, 27., und Sonntag, 28. Januar, nach Leipzig, Mariengarten, Carlstraße, einzuberufen. Tagesordnung: Ob und wie ist eine Einigung sämtlicher Fußballvereine Deutschlands möglich.

Insgesamt 36 junge Männer fanden sich schlussendlich in der Carlstraße, die heute Büttnerstraße heißt, ein und vertraten dort die Interessen von 86 Teams deutschlandweit. Nach hitzigen Debatten stimmten sie mit 64 zu 22 Stimmen für die Gründung eines Deutschen Fußballverbandes: Der DFB war geboren. Sidefakt am Rande: Die Delegation stimmte gleichzeitig für die „Ausmerzung englischer Spielausdrücke“. So wird perspektivisch aus dem Captain der Führer und aus dem free-kick ein Freit-Tritt.

Das erste Logo des Deutschen Fußballbunds.

Über die Bedeutsamkeit der sprachlichen Vorgaben lässt sich sicherlich streiten, unbestreitbar ist allerdings, dass die Gründung des DFB ein wichtiger Meilenstein für den deutschen Vereinsfußball und auch Grundstein für die Gründung einer deutschen Nationalmannschaft war, die 1908 ihr erstes Spiel austrug. Dass es trotzdem noch ein weiter Weg hin zu den heutigen professionellen Strukturen war, zeigt allerdings das erste Finale um die deutsche Meisterschaft am 31. Mai 1903 in Hamburg. Das Spiel des VfB Leipzig gegen den DFC Prag musste 45 Minuten verspätet angepfiffen werden, der Spielball fehlte. Am Ende gewann Leipzig 6 zu 2. Wie sinnbildlich, dass ein Verein aus der Gründungsstadt als erstes die Meisterschaftstrophäe in den Himmel hob. Statt der amtierenden Meisterschale gab es damals noch die Victoria-Trophäe, eine geflügelte Frauenstatue auf einem Sockel. Viktoria wurde 1944 von der Meisterschale abgelöst.

Das DFB-Gründungshaus

Auch die Gaststätte Mariengarten gibt es in seiner Form schon lange nicht mehr. Der Biergarten wurde 1914 abgerissen. Auf den Grundmauern entstand das prunkvolle Hoffmeister-Haus, das den Hoffmeister Verlag, einen der drei ältesten Musikverlage der Welt, beherbergte. Nach grundlegenden Sanierungsarbeiten ist das geschichtsträchtige Domizil mittlerweile ein Nobel-Wohnquartier. Der DFB und der Sächsische Fußballverband überlegen jedoch, wenigstens in einem kleinen Teil des Gebäudes eine Erinnerungsstätte einzurichten. Es wäre ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung des Fußballs im Osten und seiner fundamentalen Bedeutung für die Evolution des deutschen Fußballs. Bis dahin müssen sich die Leipziger mit einer kleinen Gedenktafel an der Fassade der Büttnerstraße 10 begnügen, welche an die glorreiche Fußballgeschichte erinnert, die einst in der Stadt an der Elster geschrieben wurde.

Die Gedenktafel zur Gründung des DFB in der Büttnerstraße 10.

2 Antworten auf „Anstoß im Osten: Leipzig als Geburtsstätte des DFB“

  1. Sehr interessanter Beitrag! Ich wohne seit einigen Jahren in Leipzig und war dieser Geschichte bisher nie begegnet! Ist ja auch ein ganz gutes Gegengewicht zum Rasenball-Club, der mit Tradition (noch) nicht dienen kann
    Ich bin gespannt auf die nächsten Beiträge!

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