Mehr als nur Sport! Zu Gast beim 8. Sächsischen Blindenfußballcup in Leipzig

„Voy, voy, voy“, klingt es durch die Sporthalle. Am Spielfeldrand Trainer, die ihren Schützlingen zurufen. Die Rassel im Ball klingelt. Blindenfußball ist ein akustisches Erlebnis. Das wurde uns schnell klar, als wir die Halle im Rabet betraten. Bei dieser Geräuschkulisse war uns schleierhaft, wie sich die Spielerinnen und Spieler auf dem etwa handballfeldgroßen Spielfeld orientieren können. Wie sie es schaffen, mit dem Ball zu dribbeln und mit voller Wucht auf das Tor zu schießen, in dem wohlgemerkt ein sehender Keeper steht, der dennoch nicht immer eine Chance hat, den Ball zu halten.

Wie waren zu Gast beim mittlerweile 8. Sächsischen Blindenfußballcup in Leipzig, ausgetragen vom FC Lok Leipzig. Doch der Name trügt, das einzig sächsische an diesem Event war der Ausrichter und der Ort, ansonsten war es ein internationales Turnier. Teams wie Charleroi, Prag, Moskau und Wien haben sich auf den Weg in die Messestadt gemacht, um hier gegeneinander zu kicken und gemeinsam den Fußball zu zelebrieren – den Sport, den sie teilweise noch nie mit eigenen Augen gesehen haben. Teilweise? Nicht alle SpielerInnen waren schon immer blind und nicht alle sind zu 100% erblindet. Zur Chancengleichheit setzen sie daher Brillen auf, die garantieren, dass jeder gleich viel bzw. gleich wenig sieht. Nämlich nichts.

Die Spieler von Charleroi und Sparta Prag in Aktion. Foto: HörMal Audiodesktipton gUG

Und so stehen sich zwei Teams gegenüber à vier Feldspieler und einem sehenden Torwart, der allerdings nur in einem sehr kleinen Bewegungsradius agieren darf. An dem Spielfeldrand sowie hinter den jeweiligen Toren stehen für jede Position Coaches, die ihren Spielern zur Orientierung zurufen. Ein Gemeinschaftswerk, ein Paradebeispiel gelebter Inklusion. Und das Faszinierendste: Auf diese Weise entsteht ein erstaunlicher Spielfluss.

Besonders gut anzusehen war das Spiel des klaren Favorits und schlussendlichen Turniersiegers, dem Team von Lok, das allerdings Unterstützung vom Blindenfußballteam des FC. St. Pauli bekam und somit gespickt war mit Bundesligaspielern. Die Blindenfußballsparten der beiden Klubs sind eng verbunden. Eine auf den ersten Blick zugegebenermaßen merkwürdig anmutende Connection, die so wohl nur im Blindenfußball möglich ist.

Die mitgereisten Pauli-Spieler gemeinsam mit den Lok-Spielern im Kreis. Im Spiel wurde natürlich das Lok-Trikot getragen. Foto: HörMal Audiodesktipton gUG

Aber das ist eben das Gute am Blindenfußball, wie der ehemalige CFC-Blindenfußballcoach und heutige Lok-Assistenzcoach Michael Falb herausstellt: „Das geile ist das Miteinander, dieser Zusammenhalt unter den Mannschaften. Die Mannschaften wollen einfach den Sport voranbringen. Die wollen spielen und wenn es nicht genügend Spieler sind, bringt man einfach zwei Spieler von woanders mit und dann ist es erstmal egal, ob das Spieler von Schalke oder Dortmund sind. Diese Vorurteilsgeschichten und den ganzen Scheiß gibt’s im Blindenfußball einfach nicht.“

Dennoch ist Blindenfußball natürlich nicht ausschließlich eine Spaßveranstaltung. Auch hier geht es ordentlich zur Sache, auch hier gibt es eine Bundesliga, Nationalmannschaften und ambitionierte Wettkämpfe, Europameisterschaften und sogar Weltmeisterschaften. Die „Fußballnation“ Deutschland ist hierbei allerdings noch verhältnismäßig rückschrittlich. Das Mekka des Blindenfußballs ist am Zuckerhut. In Brasilien entstand der Sport als Auswuchs des dort viel gespielten Futsal, dem Hallenfußball. Viele Regeln stammen auch daher, so muss etwa der Ball beim Abwurf des Keepers vor der Mittellinie aufkommen, bevor er diese passiert. Von Brasilien schwappte der Blindenfußball erstmals nach Spanien über, die bis heute größte Blindenfußballnation Europas. In Deutschland gibt es zwar eine erste Bundesliga und mittlerweile auch finanzstarke Clubs wie den BVB und Schalke, die verhältnismäßig viel Geld in ihre Blindenfußballteams investieren, von einer stabilen Infrastruktur kann aber bei weitem nicht die Rede sein. Vor allem in den neuen Bundesländern fehlt es an Geld und an Nachwuchs. Die einzigen hiesigen Blindenfußballclubs: der Chemnitzer FC, der 2009 gegründet wurde und zeitweise sogar in der ersten Bundesliga kickte. Und eben Lok Leipzig, dessen Blindenfußballteam zwar erst 2014 gegründet, aber mittlerweile sogar auf Grund seines besonderen gesellschaftlichen Engagements mit dem „Großen Stern des Sports“ in Bronze geehrt wurde. Dennoch besteht das Kernteam von Loks Blindenfußballteam lediglich aus fünf SpielerInnen. Warum Teams wir Lok derartige Probleme mit dem Nachwuchs habe, liegt für Michael Falb klar auf der Hand: „Man muss an die Schulen rangehen und Schüler und Schülerinnen für den Sport begeistern! Aber das Problem ist, dass es dazu Freiwillige braucht, die den Kindern den Sport näherbringen. Aber die Zeit nimmt sich heutzutage kaum noch wer. Wir brauchen mehr Freiwillige und Trainer!“

Michael Falb gemeinsam mit den Lok-Regionalligaspielern Robert Berger und Marcel Wagner, die dem Turnier einen Besuch abgestattet haben. Foto: HörMal Audiodesktipton gUG

Apropos Trainer. Coach von Lok ist der ehemalige Zweitliga-Kicker Frank Kayser. Eine rheinische Frohnatur, der sich damals eher aus Versehen für den Job als Blindenfußballcoach bewarb. Auch wenn die Umstellung vom Sehenden- zum Blindenfußball erstmal eine Herausforderung darstellte, war es doch eine glückliche Fügung. Spätestens als er vor Rührung Tränen verdrückte, während er uns von einem Spieler erzählte, der sich dafür bei ihm bedankt habe, dass er so vorurteilsfrei und offen mit seinen Spielern umgehe, wurde uns das klar. Das ist der schöne Kontrast zum verbissenen Leistungssport. Hier klappt auf und neben dem Platz nicht immer alles, dennoch sind die Menschen mit unglaublich viel Herz bei der Sache. Dieser Spirit wird auf den Turnieren klar deutlich und steckt spürbar an. Mit Michael Falbs Worten: „Es ist einfach eine geile Sache zu sehen, wie die trotz ihres Handicaps Spaß am Leben und dem Miteinander haben. In der Atmosphäre fühlt man sich wohl. Wenn du hingehst, kannst du alle fragen und sie werden dir alles beantworten. Das ist doch geil!“

Das Team von Lok feiert den Turniersieg. Foto: HörMal Audiodesktipton gUG

Uns hat der Besuch beim Turnier nochmal klar vor Augen geführt, wie verbindend der Fußballsport wirken kann. Egal welches Geschlecht, welche Hautfarbe oder welches Handicap, beim Fußball lässt sich Gemeinschaft zelebrieren und es ist toll, dass es solche Angebote wie die Blindenfußballteams gibt!

Die Kommentatoren des HörMal-Teams bei der Arbeit. Foto: HörMal Audiodesktipton gUG

Der Besuch von derartigen Turnieren lohnt sich übrigens auch für blinde Fußballfans und diejenigen, die wirklich noch nie mit dem Sport in Berührung gekommen sind. Begleitet wurde der 8. Sächsische Blindenfußballcup nämlich vom HörMal-Team, das alle Spiele live kommentierte und die Zuschauer/-Hörer dazu mit Audioguides versorgte.

Wer Lust hat, sich für den Blindenfußball in Leipzig zu engagieren oder vielleicht sogar selbst mitzuspielen, meldet sich gerne bei Koordinator Ullrich Arnold (ullrich.arnold@lok-leipzig.com) oder schaut montags mal beim Training vorbei. Weitere Infos zum Lok-Blindenfußball gibt’s unter: https://www.lok-leipzig.com/breitensport/blindenfussball/

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