„Frauenfußball wird in Deutschland noch extrem belächelt“ – HFC-Kapitänin Nell Biallas im Interview

Während der Männerfußball-WM ist Deutschland im Fußballfieber, bei den Frauenfußball-Events herrscht allenfalls erhöhte Temperatur. Warum ist das so? Und wie steht es insgesamt um den Frauenfußball in Deutschland, genauer im Osten der Republik und noch genauer beim Halleschen FC? Nell Biallas ist mit 20 schon ein alter Hase im Frauenteam des HFC. Wir haben mit der Goalgetterin und Kapitänin über die Frauenfußball-WM, den allgegenwärtigen Vergleich mit den Männern und die Wilden Kerle gesprochen.

Nell Biallas
Nell Biallas

Die Frauen-WM ist nun vorbei. Die USA sind mal wieder Weltmeister geworden und damit Titelverteidiger. Wie intensiv hast du die WM verfolgt und was ist dein Fazit?

Klar, ich habe die Frauen-WM verfolgt. Natürlich nicht jedes Spiel, aber vor allem die Auftritte der US-Amerikanerinnen. Die spielen einen extrem guten Fußball. Ich war aber auch von anderen Teams positiv überrascht. Beispielsweise haben die Schwedinnen und Engländerinnen einen sehr starken Fußball gespielt. Insgesamt merkt man eine Entwicklung. Die Stadien sind immer mehr gefüllt und das Spiel wird athletischer und körperbetonter. Das ist schön zu sehen und ich bin sowieso der Meinung, dass Fußball mit dem Kopf gespielt wird und nicht mit den Füßen und daher können Frauen genauso gut spielen wie Männer. Die USA ist das beste Beispiel dafür. Deutschland hingegen hat mich nicht so überzeugt. Ich glaube da hat innerhalb der Mannschaft einfach nicht so viel gestimmt. Dazu kommt, dass es dem Frauenteam im Gegensatz zum Männerteam einfach an Unterstützung seitens des DFB fehlt.  Der Frauenfußball wird in Deutschland einfach nicht so gefördert wie in den USA. Ich finde, wir sollten uns davon eine Scheibe abschneiden.

Die Weltfußballerin Ada Hegerberg ist nicht angetreten, weil sie gegen die Gehaltsunterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball protestierte. Wie stehst du dazu?

Also im Prinzip gebe ich ihr Recht, aber ich finde es auch Quatsch, aus diesen Gründen nicht bei der WM anzutreten. Das ändert meiner Meinung nach nichts. Sie hätte mitspielen und sich eine andere Art des Protests überlegen sollen, statt ihr Team im Stich zu lassen. Ich persönlich finde, dass man sehr wohl eine positive Entwicklung sieht. Außerdem muss man auch zugestehen, dass die Gehaltsunterschiede in gewissem Maße auch Sinn ergeben. Die Männer kriegen extrem viel Geld, weil sich extrem viele Leute die Spiele angucken. Frauenfußball hingegen wird einfach nicht so oft geschaut, da kann man auch nicht erwarten, dass man gleich viel Geld dafür bekommt. Dass der Gehaltsunterschied allerdings so krass unterschiedlich ist, finde ich auch nicht ganz fair.

Welche Unterschiede gibt es neben dem Gehalt und den Zuschauerzahlen zwischen Männer- und Frauenfußball noch?

Natürlich sind die Männer athletischer. Ich glaube aber, dass die Frauen dazu auch in der Lage sind, wenn man es von vornherein richtig trainiert. Ich habe das nicht von Anfang an richtig trainiert, kann aber trotzdem noch ganz gut mithalten, wenn ich beim Uni-Sport als einzige Frau mitspiele. Insgesamt denke ich, dass Frauen dazu in der Lage sind, eines Tages richtig mit den Männern mithalten zu können. Ich sehe das Problem eher bei der Förderung. Die allerbesten Fußballer haben vor allem Technik und spielen mit Köpfchen und das kann eine Frau genauso wie ein Mann, denn das ist nicht geschlechtsspezifisch. 

Im Kader der DFB-Nationalmannschaft waren nur zwei Spielerinnen aus einem ostdeutschen Team vertreten. Woran liegt das?

Ich würde mir das einfach mal so erklären, dass die meisten Spielerinnen von Bayern München und dem VfL Wolfsburg kommen. Die großen Vereine machen halt einfach den großen Frauenfußball. Vereine wie Bayern München haben eine riesige Männerabteilung und können es sich dann auch leisten, eine große Frauenmannschaft aufzubauen. Das kann sich dann halt ein Hallescher FC nicht leisten. Aber RB Leipzig ist zum Beispiel gerade dabei, sich das aufzubauen und die machen das auch ganz gut. Anderen Teams fehlt einfach das Geld. Magdeburg zum Beispiel hat sich von der Frauenfußballmannschaft abgegrenzt, die dann einen eigenen Verein gründen mussten und die haben einfach weniger Mittel, einen großen Verein zu starten. Aber insgesamt hat die geringe Anzahl an Spielerinnen aus Vereinen im Osten wenig mit Ost- Westunterschieden zu tun, denke ich.

Gibt es merkbare Unterschiede bezüglich der Frauenfußballkultur zwischen Ost- und Westdeutschland?

Ich habe bisher immer nur für Ostvereine gespielt, deshalb kann ich da wenig zu sagen. Klar sind wir auch mal gegen westliche Vereine angetreten, aber ich glaube nicht, dass es da besonders große Unterschiede gibt. Auf keinen Fall solche, wie in der Fan-Szene des Männerfußballs. Ich glaube, dass wir in Deutschland generell ein kleines Problem haben was den Frauenfußball angeht, denn der wird überall noch extrem belächelt. Das zeigen auch die vielen sexistischen Kommentare in den Sozialen Netzwerken zur Frauen-WM. Das hat aber nichts mit Ost und West zu tun, sondern mit dem generellen Ansehen des Frauenfußballs, gerade auch im Unterschied zur „übermächtigen“ Männermannschaft.

Wie ist der Frauenfußball beim Halleschen FC organisiert?

Ich bin jetzt schon fast 6 Jahre beim HFC und davor hat meine Schwester auch beim HFC gespielt. Als meine Schwester damals dort angefangen hat, wars absolut grauenvoll. Die Mädchen durften damals nicht auf demselben Platz spielen wie die Männer, weil sie diesen angeblich kaputt machen würden. Mittlerweile hat sich viel gebessert. Allerdings trainieren wir heute auch nicht auf dem Platz des Nachwuchsleistungszentrums, sondern haben einen separaten Platz, teilweise auf Schotter.  Außerdem haben wir Jahre lang keine neuen Trikots oder Trainingsklamotten bekommen. Wir haben uns eine längere Zeit eher als Last für den Verein empfunden. Aber das ändert sich gerade. Wir bekommen immer mehr Mittel und Aufmerksamkeit. Bei der HFC-Sommertour haben wir das Eröffnungsspiel gemacht und das war ein schönes Zeichen. Trotzdem gibt es immer noch erhebliche Unterschiede im Gegensatz zu den Männerteams, aber es gibt einen neuen Vorstand beim HFC den ich für sehr kompetent halte und ich kann mir vorstellen, dass dem Frauenfußball in Zukunft mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich sehe auf jeden Fall eine positive Entwicklung und lasse dem Ganzen nochmal Zeit.

Hat die Frauenmannschaft des HFC eine aktive Fanszene? Wie viele Fans kommen zu euren Spielen?

Wir haben absolut keine aktive Fanszene, um das kurz und einfach zu beantworten. Es kommen zwar einige Leute zu unseren Spielen, jedoch sind ein Großteil davon Familie und Freunde. Wir haben ein ziemlich junges Team, der Altersdurchschnitt ist 17, da sind die Eltern natürlich immer dabei. Nach dem Auftaktspiel der Sommertour haben außerdem viele die uns gesehen haben gesagt, dass sie mal zu einem unserer Spiele kommen wollen und sehr überrascht waren von dem schönen Fußball, den wir gespielt haben. Vielleicht gibt es da ja in der kommenden Saison auch eine positive Entwicklung.

Wie bist du zum Fußball gekommen und wer ist dein Vorbild?

Meine Schwester hat Fußball gespielt. Außerdem habe ich als Kind immer die Wilden Kerle geguckt, die waren damals meine großen Vorbilder. Als ich dann so mit 12 Jahren angefangen habe, den Sport und das Spiel richtig zu verstehen und zu lieben, ging es nicht mehr darum, so cool zu sein wie die Wilden Kerle. Ab dann war Mesut Özil mein Vorbild. Der hat mit Köpfchen gespielt und das hat mir gefallen.  Etwas später musste dann Özil für Toni Kroos weichen, der bis heute noch mein Lieblingsspieler ist. Er ist für mich der kompletteste Spieler. Sowohl auf, als auch neben dem Platz kann er überzeugen. Seine Mentalität fasziniert mich.

Was sind deine sportlichen Ziele? Lohnt es sich überhaupt das Risiko einzugehen, um Profifußballerin zu werden?

Ehrlich gesagt habe ich schon lange aufgegeben, eine professionelle Karriere im Fußball zu verfolgen. Mit 16 habe ich das letzte Mal höherklassige Angebote bekommen, damals habe ich mich aber aus persönlichen Gründen dagegen entschieden. Aber ich bereue die Entscheidung heute auch nicht, weil es sich meiner Meinung nach nicht lohnt, Profispielerin zu werden. Ich glaube, um als Profispielerin gut leben zu können, reicht es nicht. Dazu musst du schon Nationalspielerin werden oder ins Ausland gehen. Dann spielst du aber auch nur bis du etwa 30 bist und in der Zeit verdienst du auf keinen Fall so viel, dass du für dein ganzes Leben ausgesorgt hast. Die Männer verdienen in der Zeit Millionen, aber Frauen nicht. Dazu kommt, dass Frauen in der Zeit keine Kinder bekommen können, weil sie danach nicht mehr auf das Niveau kommen, auf dem sie vorher waren. Ich persönlich möchte mir sowas nicht von meinem Job vorschreiben lassen. Man muss einfach alles auf eine Karte setzen, um Profifußballerin zu werden und ich glaube, das was zurück kommt ist zu wenig. Für mich hat daher mittlerweile der Spaß am Fußball Priorität, ich spiele gerne für den HFC und habe mir da eine zweite Familie aufgebaut. Das ist das was zählt.

 

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