Lok, Chemie und die Partei – Wie die Politik die Rivalität der Leipziger Traditionsklubs befeuert(e)

„Polizei im Großeinsatz: Derby zwischen Lok und Chemie Leipzig von Ausschreitungen überschattet“ (Sportbuzzer, 22.07.2017) – und ich war mittendrin. Pyro, Tränengas, verbrannte Fahnen, prügelnde Hooligans, Wasserwerfer. Nie zuvor habe ich in einem Fußballspiel eine derart aufgeladene Stimmung, noch nie einen solch immensen Hass erlebt, wie an diesem Nachmittag im Bruno-Plache-Stadion. Das Leipziger Derby zwischen Lok und Chemie ist ohne Frage ein Ausnahmespiel. Aber warum kocht die Stimmung gerade bei diesen Aufeinandertreffen so hoch? Eine Spurensuche.

Am 6. Oktober dieses Jahres ist es wieder soweit: Der Underdog Chemie Leipzig aus Leutzsch trifft auf das favorisierte Lok Leipzig aus Probstheida. Ein Bild, das betagte Leipziger Fußballfans schon aus den 60er Jahren kennen. Damals sorgten parteipolitische Entscheidungen für die (auf dem Papier) klaren Machtverhältnisse. Nach wenig ruhmreichen Jahrzehnten war der DDR-Fußball der Parteispitze ein Dorn im Auge. Sportliche Erfolge suggerierten Macht und Stärke des Regimes. Im Angesicht der bevorstehenden Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften brauchte es daher eine konkurrenzfähige Nationalmannschaft und dazu ein höheres Niveau in der Liga. Zu diesem Zweck entschied die DDR-Parteispitze, in der ganzen Republik Leistungszentren zu bilden und die Fußballqualität in einzelnen Vereinen zu bündeln. In Leipzig fiel die Wahl auf Lok Leipzig. Also gingen die besten Spieler der Stadt zu Lok, während der „Rest von Leipzig“, die zweite Garde, bei Chemie unterkam. Von nun an galt Lok als der „neureiche“ Lieblingsverein der DDR-Parteispitze, während die BSG Chemie Leipzig genau das Pendant verkörperte, den mittellosen Arbeiterverein aus Leutzsch, der sich gegen den großen Konkurrenten behaupten musste. David kämpfte gegen Goliath – mit unerwartetem Ausgang.

Das Wunder von Leipzig

Mit allen Mitteln wollten die ausgemusterten Spieler in den grün-weißen Trikots allen beweisen, dass sie besser sind als die Auserwählten in Probstheida – es war die Geburtsstunde der bis heute sehr lebendigen Rivalität der Klubs. Schon damals polarisierte das Derby die Leipziger Fußballfanszene. Zu den Derbys kamen im Hinspiel 30.000, im Rückspiel sogar 40.000 Zuschauer, die Zeugen eines Fußballwunders wurden: Chemie gewann tatsächlich beide Spiele gegen den großen Nachbarn. Ein gewisses Aggressionspotenzial gab es damals übrigens auch schon in den Fanlagern, vor allem auf Seiten der BSG. Chemie galt als Platzsperren-Rekordhalter. Nicht selten stürmten Chemie-Anhänger bei Spielende den Platz, attackierten Gegenspieler und Schiedsrichter. Allerdings wurde gemunkelt, dass das Image vor allem von der DDR-Presse angeheizt wurde, denen Chemie Leipzig im Gegensatz „zum SED-Verein 1. FC Lok Leipzig“ ein Dorn im Auge gewesen, weshalb sie versucht hätten, den Anhang des Vereins „zu kriminalisieren“. Wie auch immer, mit dem Selbstvertrauen der gewonnen Derbys im Rücken gewann die grün-weiße Resterampe unter Trainer Alfred Kunze sogar die DDR-Meisterschaft. Welche Bedeutung diese Meisterschaft für die Identität des Vereins hatte, lässt sich an den menschengroßen Steinfiguren des Meisterteams im Alfred-Kunze-Sportpark(!) erahnen.

Das Meisterteam der BSG Chemie von 1964

Und wieder greift die Partei ein

In der Folge behauptete sich weiterhin die BSG vor Lok, die sogar 1968/69 als Tabellenletzter abstiegen. Doch wieder waren es politische Entscheidungen, die das Mächteverhältnis zwischen beiden bestimmten. Es kam zu einem schmerzlichen Déjà-vu für Chemie. Auf Anordnung von oben sollten ab 1970 die Fußballsportzentren noch stärker gefördert werden – auf Kosten der Betriebssportgemeinschaften, die von nun an ihre Auswahlspieler und besten Nachwuchskicker abtreten mussten und zudem weniger Gehalt zahlen durften. Dies kam wiederum Lok Leipzig als Leistungssportzentrum zu Gute und traf Chemie schwer. Von da an startete die sportliche Talfahrt des Arbeitervereins, während die goldenen Jahre von Lok begannen. In der Europapokal-Saison 1987 kamen die blau-gelben sogar ins Finale gegen Ajax Amsterdams Startruppe rund um Marco van Basten. Das Spiel verloren sie zwar, die Fußballeuphorie in Leipzig kannte trotzdem keine Grenzen. So wurde im selben Jahr der wohl ewige Zuschauerrekord Deutschlands aufgestellt. Das Halbfinale von Lok gegen Bordeaux verfolgten 110.000 Fans im Leipziger Zentralstadion.

Die Talfahrt im Zeichen der Wende

Das Jahr 1989 läutet eine Wende ein – politisch und sportlich. Nicht nur die DDR war am Ende, auch den Ost-Teams ging es zusehends an den Kragen. Dies veranlasste den Lok-Vorsitzenden zu dem Vorschlag, „die Kräfte im Leipziger Fußball zu bündeln“ und Lok und Chemie zusammenzuschließen. Dieser wurde allerdings vom Chemie-Präsidium und den Anhängern der BSG abgelehnt, wohl auch wegen den Geschehnissen der Geschichte. Alleine fehlt es den Klubs vorne und hinten an finanziellen Mitteln, trotzdem schafften es beide 1990/91 in die Qualifikationsrunde zur 2. Liga. Dort scheitert Chemie – wie soll es auch anders sein – an Lok Leipzig. Auch, wenn die Probstheidaer in der Folge den Aufstieg schafften, kamen beide Vereine sportlich wie finanziell schnell an ihr Limit und meldeten bald die Insolvenz an. Doch in jedem Ende liegt ein neuer Anfang: Engagierte Fan-Gruppierungen gründeten ihre Vereine neu – Chemie 1997, Lok 2003 – und starteten nochmal ganz von vorn. 

Die Klubs der Extreme und ein Profiteur

So ähnlich die Rückkehr der Klubs in den Fußballkosmos verlief, so unterschiedlich entwickelten sich die Fanlager. Zu den Initiatoren des Lok-Neuanfangs gehörte unter anderem ein bekanntes NPD-Mitglied, unter dem sich eine überwiegend rechtsorientierte Fanszene ausbildete.

Anti-Lok-Sticker im Alfred-Kunze-Sportpark

Im Gegenzug wird die Fanszene der BSG seit der Neugründung von linken Ultras dominiert. Derbys wurden von nun an nicht nur zum sportlichen, sondern auch zum politischen Kräftemessen. Gepaart mit dem geschichtlichen Hintergrund entstand so eine explosive Mischung, die nicht selten detonierte: Während Lok-Fans in der Vergangenheit Furore machten, weil sie Hitlergrüße zeigten, Polizeiautos in Brand setzten und den Chemie-Mannschaftsbus attackierten, werden Chemie-Fans etwa hinter einem mit Holzlatten bewaffneten Angriff auf Lok-Fans vermutet.

Derartige Gewaltexzesse bewegten in der Vergangenheit viele Fans beider Traditionsvereine dazu, eine neue fußballerische Heimat zu suchen. Einige fanden sie bei RB Leipzig. Ihnen geht es weniger um Tradition und Politik als vielmehr um friedlichen Fußball und sportlichen Erfolg. Das ist absolut in Ordnung und kein Zeichen fehlender Loyalität. Vielmehr ist es ein gutes Zeichen für die ausgeprägte Diversität der Fußballstadt Leipzig: Hier findet jeder Fußballfan seine sportliche Heimat, egal ob blau-gelb, grün-weiß oder rot-blau. So oder so wird es weiterhin hitzige Derbys zwischen Chemie und Lok geben, und das ist – solange es sich in einem bestimmten Rahmen bewegt – auch gut so, denn der Sport lebt von Emotionen.

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