„Wir erzählen eigentlich alles, was wir sehen und wahrnehmen“ – Jari Schaller, Fußballkommentator für sehbehinderte Fans, im Interview

Inklusion gibts nicht nur in der Schule, sondern auch im Stadion! Heutzutage bietet jeder Bundesligist sehbehinderten Stadionbesuchern die Möglichkeit, das Spielgeschehen live mitzuverfolgen. Möglich machen dies Kommentatoren, die 90 Minuten lang jedes kleinste Detail des Spiels beschreiben. Für RB Leipzig sitzt Jari ehrenamtlich in der Kommentatorenkabine. Wie er zu diesem außergewöhnlichen Job kam, welche Eigenschaften man als Kommentator für Sehbehinderte mitbringen muss und was er von den typischen Phrasen von Béla Réthy und Co. hält, hat er uns in einem persönlichen Interview erzählt.

Moin Jari, du bist Fußballkommentator für sehbehinderte Fans. Wie bist du dazu gekommen?

Angefangen hat das Ganze als ich noch beim Studentenradio mephisto gearbeitet habe. Irgendwann wurde ich von Florian Eib angesprochen, der das damals beim RB-Leipzig-Freunde-Programm schon eine Weile gemacht hat und es beim Handball mit aufbauen wollte. Er hat gemerkt, dass ich ganz gut quatschen kann und mich mit Fußball, beziehungsweise Sport gut auskenne. Ursprünglich wurde ich angefragt, ob ich nicht Lust habe, die Spiele des SC DHfK Leipzig zu reportieren. Ungefähr ein halbes Jahr später kam dann noch RB hinzu. Heute kommentiere ich sowohl Handball als auch Fußball.

Wie genau unterscheidet sich deine Tätigkeit von der eines üblichen Fußballkommentators?

Da muss muss man unterscheiden zwischen einem Fernseh- und einem Radiokommentator. Der Fernsehkommentator kommentiert nur. Das Spiel läuft, die Leute sitzen vor dem Fernseher und sehen was passiert. Der Kommentator hat eine Liste mit Informationen oder lustigen Geschichten zu den Spielern und kann dann während des Spiels oder in Pausen immer mal wieder was erzählen. Der Radioreporter hingegen ist ja schon dafür da, zu erzählen, was grade passiert. Allerdings mit dem Unterschied zu mir, dass er für ein Publikum kommentiert, das ein Fußballfeld oder ein Fußballspiel schon mal gesehen hat. Bei uns liegt der Anspruch darin, dass wir die Sachen, die bei anderen Leuten vorausgesetzt sind beschreiben. Wir sagen wie voll das Stadion ist, was da so für Leute drinnen sitzen, wie das Wetter ist, welche Farbe die Schuhe und Trikots der Spieler haben, wie sie sich bewegen und so weiter. Es ist deutlich detaillierter und dadurch entsteht ein intensiverer Redefluss, da wir eigentlich nie still sind. Sobald wir eine Pause machen, denkt der Zuhörer vielleicht, dass grade nichts passiert. Kurzum: Wir erzählen eigentlich alles, was wir sehen und wahrnehmen.

Welche Eigenschaften muss man für dein Berufsfeld mitbringen?

Ganz wichtig ist, dass man ein Auge und Gespür für das Detail hat. Außerdem kommt hinzu, dass man eine gute Sprechausdauer haben sollte und schnell auf bestimmte Situationen reagieren kann. Eine angenehme Stimme ist natürlich auch von Vorteil. Es ist zwar selten so, dass die Gäste nach dem Spiel auf dich zukommen und sich über deine Stimme beschweren, aber das kann auch schon mal vorkommen. Und das ist ja auch völlig verständlich. Wenn man als sehbehinderter Mensch über 90 Minuten eine unangenehme Stimme auf dem Ohr hat, kann das schon anstrengend sein, dem Spiel zu folgen. Ein gewisses Grundverständnis von der Sportart sollte natürlich auch vorhanden sein. Umso besser man sich auskennt, umso besser ist die Reportage.

Wie intensiv bereitest du dich auf anstehende Spiele vor? 

Meine Vorbereitung hängt ganz von der Sportart und dem jeweiligen Event ab. Da ich mich seit ungefähr 17 Jahren mit Fußball beschäftige, habe ich mir mittlerweile ein sehr umfangreiches Grundwissen angeeignet. Spielernamen bei Bundesligisten beispielsweise muss ich mir nicht mehr angucken, die kenne ich auswendig. Die Spieler kann ich auf dem Feld unterscheiden, da muss ich mir nicht mehr viel ansehen vorher. Ich schaue mir im Vorhinein lediglich einige Besonderheiten an oder suche mir Anekdoten zu den jeweiligen Spielern raus, die ich dann erzählen kann, sobald eine Auswechslung oder ähnliches stattfindet.

Woher bekommst du deine Informationen?

Das unterscheidet sich ebenfalls von Sportart und Event. Bei RB Leipzig ist das mittlerweile über die DFL geregelt. Diese hat einen eigenen Bereich für uns Spielbeschreiber. In den Statuten der Ligen ist festgelegt, dass Vereine der ersten bis zweiten Liga Spielbeschreiber für Sehbehinderte an Spieltagen dabei haben müssen. Dadurch hat sich bei der DFL eine eigene Sektion herausgebildet. Diese organisiert jedes Jahr ein Expertenforum für alle Spielbeschreiber in Deutschland. Auf diesem Forum wird dann über Standards gesprochen und was man eben alles verbessern kann. Diese Sektion gibt außerdem vor jeder Saison Audio-Sammelmappen von allen Vereinen der ersten und zweiten Liga aus, in der alle Spieler und Trainer ihren Namen aufsagen. Dazu händigt die DFL noch ein Pressepaket aus, das unfassbar viele Informationen zu den einzelnen Vereinen enthält.

Wie läuft das im Spiel? Hast du da jemanden, der dir zuarbeitet?

Also wir haben niemanden, der explizit dafür da ist, dass ich Informationen reinbekomme. Es gibt keine Redaktion, die dahinter sitzt und immer mal was einreicht, wie beim Fernsehen. Wir sind zu zweit oben auf der Pressetribüne und achten darauf, dass keine Fehler gemacht werden und nichts vergessen wird, wenn der andere grade kommentiert. Da gibt man sich natürlich gegenseitig Hinweise, wenn sich ein Spieler aufwärmt, oder die Fans eine Choreo vorbereiten.

Was hältst du von den klassischen Phrasen mancher Fußballkommentatoren?

Als Fernsehkommentator ist man in der Luxussituation darüber nachzudenken, was man sagt und kann das Spiel einfach mal laufen lassen. Da finde ich, dass man getrost auf die klassischen Phrasen verzichten kann. Im Radio oder bei uns ist aufgrund des hohen Redeflusses die Gefahr höher, dass man sich im Eifer des Gefechts mancher Phrasen bedient. Wir zeichnen unsere Reportagen auf und arbeiten in den Expertenforen daran, auf solche Phrasen zu verzichten. Der Anspruch ist auf jeden Fall da, die Sprache zu optimieren und so wenige Phrasen wie möglich anzubringen. Ich würde aber auch niemanden verteufeln, der ab und zu welche verwendet.

Wenn man deinen Kommentar hören will, wo muss man einschalten?

In den meisten Fällen ist das veranstaltungsintern. Bei RB ist das so, dass vor Spielbeginn die Gäste zu uns kommen und wir ihnen Empfangsgeräte mitgeben. Wir sprechen dann in ein Mikrofon und sie können unseren Kommentar während des Spiels hören. Das ist eine Technik, die bislang nur auf Stadien ausgerichtet ist. Aktuell hat das Stadion 20 Plätze für sehbehinderte Fans. Ab der nächsten Saison  soll es aber so sein, dass wir im gesamten Stadion über eine App auf dem Smartphone zu hören sind. Aufgrund der etablierten Blindenfanszene, die seit Jahren die Spiele besucht, wäre es natürlich sehr von Vorteil, die Kapazitäten auszuschöpfen. Allgemein kann man da aber positive Entwicklungen feststellen, da beispielsweise Bayer Leverkusen bereits für alle Fans, egal ob sehbehindert oder nicht, im Stadion eine solche Audio-Deskription anbietet.

Fällt es einem als Fußballfan schwer, ein Spiel unparteiisch zu kommentieren?

Ich komme aus Cottbus und bin Energie-Fan seitdem ich ein kleines Kind bin. Dadurch, dass ich in Leipzig lebe und für RB Spiele kommentiere, habe ich gewisse Sympathien zu dem Verein aufgebaut. Ich freue mich natürlich, wenn sie gewinnen und erfolgreich sind. Aber egal was ich kommentiere, ich versuche so neutral zu sein wie möglich. Da gibts auch andere bei uns im Reporterteam, die wirklich Fans sind. Das ist auch ok, denn so manch ein Fan freut sich über solch einen Kommentar. Ich bemüh mich da jedoch immer, der neutrale Gegenpol zu sein.

Gibt es ein Spiel, das dir bis heute im Gedächtnis geblieben ist?

Ja, aber gar nicht mal so bei RB. Beim Handball hat der SC DHfK Leipzig mal zuhause gegen die Rhein-Neckar Löwen gespielt, eine der besten Mannschaften der Welt. Leipzig hat sie aus der Halle geschossen. Das hat richtig viel Spaß gemacht.

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