„Wir wollen die Fans unterstützen, Fans zu sein“ – Mary Scholz, Leiterin des Fanprojekts für (H)alle, im Interview

„Komm in die große HFC-Familie“ ist keine Floskel. Fußballfanszenen sind wie Familien. Familien verbinden und geben Halt. Manchmal braucht es dennoch eine zusätzliche helfende Hand, um Fußballfans im Stadion, bei Auswärtsfahrten und im Alltag zu unterstützen. Dieser ehrenwerten Aufgabe haben sich in Deutschland ganze 59 Fanprojekte angenommen. Nach zweijähriger Abstinenz zählt auch das Fanprojekt Halle endlich wieder dazu. Wir haben mit Leiterin Mary über ihre Erwartungen an das Projekt, ihre persönliche Passion für ihre Arbeit und die große Bedeutung der Fußballfankultur für die Gesellschaft gesprochen.

Die Drittligasaison ist noch relativ jung. Mit welchen Gefühlen blickst du auf den Saisonstart?

Ich freue mich sehr, dass die Saison wieder losgeht. Allein aus dem Grund, dass ich großer Fußballfan bin und gerne sehe, wenn wieder Leben im Fußball ist. Die Sommerpause war auch intensiv, da gabs Pokal- und Testspiele. Aber jetzt ist der Wettkampf wieder da und das bringt schon noch ein bisschen mehr Spannung rein.

Welche Gefühle hast du in deiner Position als Fanprojektleiterin in Bezug auf die Saisoneröffnung?

Da gibt es mehrere Punkte. Ich freue mich, dass wir wieder bei den Spielen direkt für die Fans da sein können. Das Projekt steht noch am Anfang und gerade mit unserer Präsenz bei den Heim- und Auswärtsspielen gewinnen wir an Bekanntheit. Dort können wir in die Gespräche mit den Fans gehen. Dadurch, dass das Fanhaus noch zu ist, sind die Spiele ein umso wichtiger Ort, um in Kontakt mit den Fans zu kommen. Dieser direkte Kontakt bringt uns voran. Deshalb freue ich mich auch als Leiterin des Fanprojekts umso mehr über den Saisonstart.

Was genau macht so ein Fanprojekt wie das Fanprojekt Halle eigentlich?

Unser Hauptanliegen ist es, die Fans dabei zu unterstützen, Fans zu sein. In den Medien werden Fans unverhältnismäßig oft als die Bösen dargestellt, wenn man aber über den Tellerrand schaut, ist das gar nicht so. Dazu machen wir klassische Jugendsozialhilfe, nur halt im Fußballkontext. Wir hören den Fans einfach zu. Wir begleiten sie zu jedem Spiel. Wir vermitteln zwischen Fans und Verein, Polizei und Ordnungskräften. Zudem unterstützen wir die Fans natürlich auch in Alltagssituationen. Wenn uns zum Beispiel ein Fan fragt, ob wir bei einer Bewerbung helfen können, machen wir auch das. Insgesamt ist es aber erstmal wichtig, wie immer in der sozialen Arbeit, eine Beziehung aufzubauen. Das ist momentan unsere Priorität: Erstmal die Beziehung aufbauen, Vertrauen entwickeln und dann aktiv unterstützen. Dabei wird es auch enorm helfen, wenn das Fanhaus wieder offen ist. Dort wollen wir, sobald wir den Bedarf analysiert haben, Projekte anstoßen und verschiedene Angebote schaffen, wie Themenabende oder Veranstaltungen.

Das Fanhaus in Halle

Was hat es überhaupt mit dem Fanhaus auf sich?

Das Fanhaus hat einen enormen Stellenwert. Vor jedem Heimspiel ist es Anlaufpunkt für viele Fans. Bis vor zwei Jahren haben die Fans dort in Eigeninitiative gegrillt. Natürlich wäre es schön, wenn das wiederauflebt. Mit einigen helfenden Händen haben wir das in den letzten Heimspielen organisieren können, wir können das aber leider nicht komplett übernehmen. Trotzdem ist es unser Anspruch, dass das wieder ins Rollen kommt. Generell ist das Fanhaus einfach ein guter Ort, um ins Gespräch zu kommen und viele Generationen zusammenzubringen. Wenn wir Ende August/ Anfang September ins Fanhaus einziehen können, wird es auch außerhalb der Spieltage wieder zu einer wichtigen Begegnungsstätte werden.

Wie genau sieht dein Tag an einem Heimspiel aus?

Das ist von Spieltag zu Spieltag komplett unterschiedlich. Es ist unser Anspruch, vor jedem Heimspiel das Fanhaus zu öffnen und damit eine Anlaufstelle für die Fans zu bieten. Dann gehen wir ins Stadion. Dort gibt es vor dem Spiel meist noch ein Kurvengespräch mit allen Beteiligten. Bei dem geguckt wird, ob alles gut ist oder noch etwas zu klären ist. Danach gehen wir selbst in die Kurve. Dort versuchen wir so zu stehen, dass man uns gut sehen und ansprechen kann. Man erkennt uns an unseren Fanprojekt-Shirts. Nach dem Schlusspfiff gehts dann wieder ins Fanhaus.

Inwiefern tragt ihr als Fanprojekt die Verantwortung, dass das Stadion ein sicherer Raum ist bzw. bleibt?

Ein Fanprojekt ist kein Sicherheitsgarant. Wir können gar keine Garantie dafür sein, dass es nicht irgendwelche Probleme im Stadion gibt. Egal ob Stadtfest, Konzerte oder eben Fußballspiele, überall wo viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Erwartungen oder Wünschen zusammenkommen, entstehen Probleme und so ist das nun mal auch beim Fußball. Und ich muss sagen: Erst letztens habe ich von einer Statistik gehört, nach der es bei Konzerten viel mehr Probleme gibt als bei Fußballspielen. Natürlich gibt es auch Gewalt in Stadien und natürlich wollen wir, dass das weniger wird. Daher arbeiten wir als Sozialarbeiter präventiv mit den Fans. Generell muss man aber sagen: Erwartungen an Fanprojekte gehen von A bis Z und können leider nicht alle erfüllt werden.

Warum machst du grade diesen Job?

Mein Leben war immer der Fußball. Ich habe selbst 16 Jahre gespielt und war zudem Trainerin. Verletzungsbedingt kann ich leider nicht mehr spielen, aber ich bin natürlich weiterhin Fan. Im sportlichen Sinne wie im Allgemeinen mag ich einfach die Herausforderung, die dieses Projekt an mich stellt. Und ich mag eben auch die soziale Arbeit. Ich bin der Meinung, dass man im Herzen Sozialarbeiter ist. Man kann es studieren, das heißt aber nicht, dass man es fühlt. Und darauf, diese zwei Seiten zusammenzuführen, den Fußball und die soziale Arbeit, habe ich extrem Lust. Als wir, mein Träger das Jugend- und Familienzentrum Sankt Georgen und ich, uns im letzten Jahr für das Fanprojekt beworben haben, wusste ich, dass es das ist, was ich unbedingt machen möchte. Jetzt sind mittlerweile sieben Monate im Projekt vergangen und ich stehe absolut hinter dieser Entscheidung. Ich bin sehr begeistert, was ich alles durch das Projekt lerne. Man lernt unglaublich viele tolle Menschen kennen, schaut über den Tellerrand hinaus und verfolgt dabei seine Ziele der sozialen Arbeit. Und das ist total schön.

Ist es für dich als Frau schwieriger, von der männerdominierten Fanszene akzeptiert zu werden?

Unabhängig vom Kontext gibt es junge Frauen, die lieber mit Frauen sprechen, junge Männer die lieber mit Männern sprechen oder auch umgedreht. Natürlich spielt das in der sozialen Arbeit eine Rolle. Generell kann ich mich da aber nicht beschweren. Ich habe bisher bei meiner Arbeit niemanden getroffen, der mich aufgrund meines Geschlechts anders behandelt hat. Aber natürlich spielt Sexismus heutzutage in jedem Kontext eine Rolle, auch im Fußball. Wir vom Fanprojekt stehen da ganz klar für Vielfalt und Demokratie und sind gegen jede Art von Diskriminierung – und dazu gehört natürlich auch Sexismus.

Wie würdest du die HFC-Fanszene beschreiben?

Ich habe die Fans als sehr leidenschaftlich kennengelernt. Alleine zum Auswärtsspiel in die Partnerstadt Karlsruhe in der letzten Rückrunde haben sich morgens um 4 Uhr so viele Menschen aufgemacht – zu einem Spiel, bei dem es nicht mehr um den Aufstieg ging. Die Hallenser Fanszene ist wie eine große Familie. Es heißt ja auch „komm in die HFC-Familie“. Und das passt zu 100%!

In einem Interview mit dem MDR meintest du, Fußballfans wären eine Subkultur, die extrem wichtig ist und die viel mit sich bringt. Warum ist diese Subkultur so wichtig?

In der Fanszene gibt es verschiedene Subkulturen. Diese bieten Menschen Identifikation, eine Heimat, ein zu Hause. Die jungen Menschen wachsen mit dem Fußball auf, finden Freunde und Familie. Flach gesagt rennen 22 Menschen einem Ball hinterher und auf beiden Seiten sind Menschen, die Feuer und Flamme sind und alles geben. Manche Menschen leben für die Musik, manche für die Arbeit und manche eben für den Fußball. Beim Fußball treffen sich ganz normale Arbeiter mit Menschen, die bei der Bank arbeiten. Fußball hat einfach eine wahnsinnige Macht, Menschen zu verbinden und zusammenzubringen. Und das zu unterstützen und nicht immer so negativ hinzustellen, ist meine Mission.

Das HFC-Fanprojekt steht ja noch relativ am Anfang. Wo siehst du euch in zwei Jahren?

Ich wünsche mir, dass die Fans immer offen auf uns zugehen. Ich wünsche mir, dass das Fanhaus bald aufmacht und dass man dort für die Fans da sein kann und Freizeitangebote schaffen kann. Und ich hoffe, dass es in zwei Jahren ein gutes Verhältnis zwischen uns und den Fans gibt, dass wir respektvoll und offen miteinander umgehen und dass sie unsere Hilfe annehmen, denn dafür sind wir da.

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